Erdbeben

Mit Naturschauspielen habe ich anscheinend kein Glück. Vor acht Jahren war Sonnenfinsternis in Süddeutschland. Ich war damals extra auf das Dach meiner Zivistelle geklettert, statt einfach im Englischen Garten zu sitzen. Und im Gegensatz zu all denen, die etwas nördlicher in München und etwas näher am Boden waren, sah ich statt einer überdeckten Sonne nur Wolken, und stolperte in den zwei Minuten Finsternis auch noch über einen Blitzableiterdraht, was diesen aus seiner Verankerung riß. Ob was Gebäude das nächste Gewitter überlebt hat, weiß ich nicht.

Sonnenfinsternisse sind selten, aber da ich nun in der San Francisco Bay Area wohne, könnte ich doch hin und wieder in den Genuß eines kleinen Erdbebens kommen. Letzten Dienstag gab es dann auch eines der Stärke 5,6. Das hört sich viel an, ist es aber nicht. Außerdem habe ich es eh so gut wie versäumt. Und das war das stärkste seit 18 Jahren. Ich fühle ich betrogen.

An besagtem Dienstag abend fuhr ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit noch zum Elektroladen, um mir einen neuen Kassettenadapter für den Anschluß meines MP3-Playern am Autoradio zu kaufen. Der alte hatte wohl den Geist aufgegeben, als letztens zu oft diverse Beifahrer mit meinem Musikgeschmack nicht einverstanden waren und mein Abspielgerät durch ihr eigenes ersetzten. Aufgrund des entstandenen Wackelkontaktes konnte ich jetzt nur noch entweder den linken oder den rechten Kanal hören, jedoch nicht beide gleichzeitig.

Überrascht durch die mangelnde Auswahl – es gab nur einen einzigen solchen Adapter; ich hätte erwartet, daß der Laden mindestens 10 im Angebot hätte, davon die Hälfte preislich wie auch auf den ersten Blick optisch identisch – war ich schon nach wenigen Minuten mit meinem neuen Adapter wieder im Auto, wo ich hier direkt auf dem Parkplatz den alten austauschen wollte – schließlich waren es ja sicherlich 5 Minuten bis nach Hause, und die konnte ich unmöglich ohne Musik überstehen.

Nur war das Entfernen des alten Kassettenadapters aus dem Autoradio nicht ganz so einfach, da ich den Kassettenschlitz zusätzlich als Ablage diverser Parktickets mißbraucht hatte, von denen einige inzwischen ganz hinter gerutscht waren und sich verklemmt hatten. Natürlich entfernt man auch die Kassette nicht mechanisch, nein! Vor 12 Jahren, als das Auto gebaut wurde, hielt man sowas wohl schon für nicht mehr schick, deswegen gab es eine Taste, die einen Motor zum Herausfahren der Kassette betätigt. Also ging kein „mit Gewalt Reindrücken“. Ich drückte die Taste, der Motor drückte ein wenig, und gab dann auf. Ich machte mich daran, den Motor mit meinem Taschenmesser zu unterstützen. Auf dem Parkplatz nebenan kam gerade ein Auto an, und der Fahrer schaute recht irritiert drein, als er sah, daß hier jemand mit einem Taschenmesser an einem Autoradio herumwerkelte. Ich lächelte recht freundlich rüber und hoffte, daß er nicht die Polizei holen, oder noch schlimmer, Zivilcourage beweisen und mich mit der Schrotflinte aus seinem Kofferraum umlegen würde – man weiß ja nie, dies ist schließlich Amerika!

Mit dem Taschenmesser gelang es mir letztendlich dann doch, die Kassette herauszuhebeln. Neuer Adapter rein, Musik an. Prima. Motor an, ab nach Hause. Doch zu meinem Überraschen ruckelte das Auto schon im Standgas ganz fürchterlich. Ich machte die Musik aus, nein, es war nicht der Baß. Hatte ich mit meiner Autoradiobastelei etwa was kaputtgemacht? Ich machte den Motor wieder aus – das konnte doch nicht sein. Faszinierenderweise rumpelte das Auto immer noch! Toller Effekt! Zunächst dachte ich daran, daß jemand am Auto steht und es rüttelt – vielleicht der Fahrer vom Parkplatz nebenan, der doch über keine Schrotflinte, dafür aber über Superkräfte verfügte und mein Auto umwerfen wollte, damit ich nicht flüchten kann?

Ich stieg aus und ging einmal ums Auto. Alles in Ordnung, keine Superhelden. Doch auf dem Parkplatz waren jetzt jede Menge Leute, die wohl alle aus dem Elektroladen gelaufen waren, und standen da, als wäre gerade ein Ufo gelandet.

Die Idee, daß es ein Erdbeben gewesen war, kam mir erst langsam, immerhin hatte ich dahingehend ja auch keinerlei Erfahrung und es zudem auf eine eher unkonventionelle Weise erlebt. Zu Hause angekommen fragte mich gleich ein Kollege im Chat, ob ich denn das Beben gespürt hätte, und ob bei mir zu Hause irgendwas passiert wäre. Und in der Tat war meine mit Tesafilm am Monitor befestigte Webcam heruntergefallen, und, jetzt wo ich mich zum ersten Mal bewußt umschaute, fiel mir auch auf, daß die Hälfte meiner Sachen wahllos verstreut am Boden lagen. Aber ich denke, das war auch vorher schon so.

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